Alumni-Stories: Marie-Therese Huebsch über ihre Faszination für Naturwissenschaften und das Doktorat in Tokyo

Marie-Therese Huebsch wurde 2011 mit dem Dr. Hans Riegel-Fachpreis in Physik ausgezeichnet. Nach ihrem Physikstudium an der TU Wien mit Projekten an der ETH Zürich sowie am Russischen Quantenzentrum in Moskau, arbeitet sie nun an ihrem Doktorat an der Universität Tokyo.

Womit hast du dich in deiner ausgezeichneten Arbeit auseinandergesetzt?

 

Ich habe mich mit der Wellennatur des Elektrons und den “Teilchen”, oder besser Energiequanten, des Lichtes beschäftigt. Wenn ein Laserpuls ein He-Atom anregt, dann kann u.a. eines der beiden Elektronen ein Energiequant des Lichtes, ein Photon, absorbieren. Verlässt das Elektron das He-Atom mit der absorbierten Energie eines Photons, spricht man von einem Photoelektron. Solange beide Elektronen an das He-Atom gebunden sind, wird ihre Aufenthaltswahrscheinlichkeit durch die Quantenmechanik beschrieben. Dabei kommt der Wellencharakter der beiden Elektronen zum Vorschein: Die Wechselwirkung wird nicht mehr durch Stöße beschrieben, sondern durch Interferenz. Also so wie sich Wellen auf einem Teich auslöschen oder verstärken können, so interferiert auch die Energie- und Impuls-Verteilung der beiden Elektronen. Forscher in mehreren Gruppen haben die Energie- und Impuls-Verteilung von Photoelektronen gemessen und konnten damit ein Hologramm vom He-Atom erstellen. Daher hieß meine Arbeit Holographie im Quantenbereich.

 

Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

 

Die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaften" porträtiert immer wieder interessante Themen aus der aktuellen Forschung. Ich habe mir mehrere Artikel herausgesucht und unter anderem mit meinem Physiklehrer darüber gesprochen. Mein finales Thema hat sich vor Allem durch das Mentoring entschieden: Ich habe sowohl den Enthusiasmus meines Physiklehrers, Herrn Prof. Kern, gespürt, als auch fachliche Unterstützung von Herr Prof. Dr. Feuerstein vom Max-Planck-Institut in Heidelberg, als Reaktion auf meinen Leserbrief, erhalten.

 

Wie bist du auf den Dr. Hans Riegel-Fachpreis aufmerksam geworden?

 

Mein Physiklehrer, Herr Prof. Kern, hat mir vorgeschlagen meine Arbeit einzureichen. Das Ansehen einer Fachbereichsarbeit war damals davon geprägt, dass man für den freiwilligen Aufwand vermutlich ohnehin eine gute Note bekommt. Diesem falschen Vorurteil wurde durch den Vorschlag meines Lehrers Abhilfe geleistet. Falsch war dieses Vorurteil mit Sicherheit schon vor der Auszeichnung, denn viele MitschülerInnen haben sich regelrecht in ihr Interessensgebiet reingesteigert und sich bei der Ausarbeitung große Mühe gegeben.

 

Was bedeutet die Auszeichnung für dich?

 

Es ist für mich eine objektive Bestätigung und Anerkennung meiner Arbeit. Bei guten Noten habe ich mir oft gedacht, dass die Prüfung nicht schwer war. Und bei speziellem Lob von LehrerInnen habe ich vermutet, dass es sich um persönliche Sympathie handelt, oder Zufall ist. Die Auszeichnung hat damit Zweifel in mir beseitigt, ohne ein zentrales Beurteilungssystem einzuführen.

 

Was machst du heute und wie bist du dorthin gekommen?

 

Ich mache seit April 2018 mein Doktorat an der Universität Tokio. Wir arbeiten an einer neuen Klasse von Magneten bei denen die magnetischen Momente nicht parallel zueinander stehen und in Summe Null Magnetisierung ergeben. Der Magnetismus ist also ziemlich versteckt, aber die Effekte dafür umso spannender, wie z.B. aus einem Temperaturunterschied Energie zu gewinnen. Um bei meiner heutigen Position zu landen, habe ich zunächst an der TU Wien ein Physik Bachelor- und Masterstudium abgeschlossen. Währenddessen hatte ich die Gelegenheit, Projekte an der ETH Zürich und am Russischen Quantenzentrum in Moskau zu machen, wodurch ich sehr wertvollen Mentoren begegnen durfte. Hier in Japan habe ich das Privileg, ein Stipendium von RIKEN, einem japanischen Forschungsinstitut ähnlich wie das Max-Planck Institut, zu erhalten. Außerdem habe ich aufgrund der guten Ausbildung durch die TU Wien, die unerwartet selektive Aufnahmeprüfung der Uni Tokio gemeistert. Zu jeder Zeit bin ich meinen Interessen ohne zu zögern gefolgt.

 

Warum hast du dich für einen Ausbildungsweg im MINT-Bereich entschieden?

 

Es gab für mich keine Alternativüberlegung. Ich habe mich nicht für Physik interessiert, weil es ein MINT-Fach ist, sondern weil es mir erklärt, wie die Welt um mich herum funktioniert. Ich wollte immer wissen wie die Gegenstände in meiner Umgebung beschaffen sind, und so kam für mich vor allem ein Chemie- oder Physikstudium in Frage. Die Entscheidung, bei der Physik zu bleiben, nachdem ich mich für beide Studien eingeschrieben hatte, ist erst in der ersten Uniwoche gefallen. Nachdem ich meine Kommilitonen kennengelernt hatte, habe ich eine Art Zugehörigkeit gespürt, weil der ganze Hörsaal mit Menschen gefüllt war, die die gleichen Phänomene faszinierend finden.

 

Was spricht deiner Meinung nach für eine Tätigkeit im MINT-Bereich?

 

Die Begeisterung, neue Fragen zu stellen und die Freude daran, sie mit mathematischer Genauigkeit zu beantworten, um letztlich nach wissenschaftlichem und technischem Fortschritt zu streben. Im Allgemeinen gilt sicher, dass es leicht ist, mit einer Tätigkeit im MINT-Bereich seinen Beitrag in der Gesellschaft zu leisten. Es ist also vergleichsweise leichter, im MINT-Bereich Arbeit zu finden. Ich möchte allerdings davon abraten, dies als ausschlaggebenden Grund zu verwenden, ein technisches Studium zu beginnen. Es wird immer jemanden geben, der härter arbeitet als Du, aber keiner kann Dich schlagen, wenn Du das machst, was Du gerne machst. Man sollte die Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben allerdings nicht unterschätzen. Nicht zuletzt ist das Gefühl, einen Beitrag zu leisten auch sinnstiftend und erfüllend. Viele Menschen habe eine klare Vorstellung davon, was ihnen zusteht, wie z.B. freier Zugang zu Bildung, ein gutes Gesundheitssystem, usw. Das sind allerdings keine internationalen Menschenrechte, sondern gemeinsame Werte, die es so nur in Europa gibt. Deshalb möchte ich hier niemanden direkt raten in den MINT-Bereich zu gehen, sondern jede/n ermutigen ihrer/seiner Leidenschaft zu folgen und daran andere teilhaben zu lassen.

 

Was würdest du SchülerInnen raten, die ihre Arbeit bei den Dr. Hans Riegel-Fachpreisen einreichen möchten?

 

Sucht euch ein Thema, dass ihr wirklich spannend findet und sucht gezielt nach gutem Mentoring. Wenn ihr mit vollem Einsatz dabei seid und Kritik gerne annehmt, dann wird euch eure Arbeit am Ende verdient stolz machen.